Steigende Studierendenzahlen


In der Tat ist die Zahl der Studierenden in Deutschland zwischen 2007 und 2016 um ca. 800.000 oder 40% auf etwa 2,8 Millionen gestiegen, nachdem sie zuvor mehrere Jahre konstant geblieben war[1].

Dies ist ohne Frage eine beeindruckende Zahl, die jedoch zur Abschätzung gesamtgesellschaftlicher Folgen völlig ungeeignet ist, sofern man sie nicht im Kontext weiterer statistischer Erhebungen betrachtet: aus der Tatsache, dass insgesamt mehr Menschen an den Hochschulen in Deutschland eingeschrieben sind, folgt etwa nicht notwendigerweise, dass tatsächlich mehr Menschen nach dem Schulabschluss den Weg der Hochschulbildung einschlagen.

Eine längere durchschnittliche Studiendauer beispielsweise würde automatisch zu höheren Gesamtstudierendenzahlen führen, ohne dass sich an der Quote der Studienanfänger etwas ändern würde. Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die durchschnittliche Semesterzahl beim Hochschulabschluss in den vergangenen Jahren sinke[2], doch sind diese Statistiken stark irreführend, da sie sich auf die Semesterzahl zum Zeitpunkt des ersten Hochschulabschlusses beziehen. Infolge der Umsetzung der Bologna-Reformen, die den Bachelor-Abschluss nach 6 Semestern Regelstudienzeit (im Vergleich zu den 9- oder 10-semestrigen Diplom- und Magister-Studiengängen) zum ersten Regelabschluss macht, muss diese Kennzahl zwangsweise sinken. Betrachtet man dagegen die durchschnittliche Studiendauer, die für einen Master-Abschluss (Regelstudienzeit meist 4 Semester, zzgl. 6 Semester Bachelor) benötigt wird, stellt man fest, dass die Studiendauer im Mittel derzeit etwa 11,5 Semester beträgt und in den vergangenen Jahren tatsächlich leicht angestiegen ist[3].

Ähnliche Auswirkungen auf die Studierendenzahl könnten eine insgesamt niedrigere Studienabbrecherquote sowie durch die Bologna-Reformen erleichterte Studienfachwechsel oder Zweitstudien nach bereits erworbenen Abschlüssen, ggf. auch in höherem Lebensalter und/oder bei gleichzeitigem Wechsel der Hochschulart, haben. Diese Faktoren sind allerdings statistisch schwer zu erfassen und wären daher gesondert zu untersuchen.

Einen Hinweis darauf, dass die genannten Ursachen zu insgesamt steigenden Studierendenzahlen führen, liefert auch die Statistik der Studierenden im ersten Hochschulsemester, deren Zahl seit 2011 nahezu konstant geblieben ist[4] (für die Universitäten in Deutschland prognostiziert das Statistische Bundesamt für das Jahr 2016/17 sogar einen leichten Rückgang[5]).

Die Studierendenzahl hängt weiterhin wesentlich von der Zahl der Schülerinnen und Schüler ab, die ihre Schullaufbahn mit einem zum Hochschulstudium berechtigenden Abschluss beenden. Diese wurde, auch auf Empfehlung der OECD hin, in den vergangenen Dekaden stark gesteigert, was den starken Anstieg der Studierendenzahlen vor 2011 mit begründen dürfte[6]. Die Studienanfängerquote, das heißt der Anteil der Schulabsolventen, die anschließend ein Hochschulstudium aufnehmen, war in den vergangenen Jahren konstant bzw. sank zuletzt leicht[7].

Weiterhin ist in den vergangenen Jahren ein überproportionaler Anteil ausländischer Studierender am Wachstum der Studierendenzahlen in Deutschland zu beobachten. Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein — die hieraus resultierende steigende Vielfalt an deutschen Hochschulen ist jedoch in jedem Fall zu begrüßen[8][9].

Aus unserer Sicht ist es höchst wünschenswert, einen möglichst breiten Zugang zu höherer Bildung und Allgemeinbildung zu schaffen. Das darf selbstverständlich nicht zu Lasten der Ausbildung in den klassischen Ausbildungsberufen gehen. Betrachtet man auch hier die dazu verfügbaren Studien, stellt man fest, dass dies kaum der Fall ist: während das Interesse an einem eher wissenschaftlich-allgemeinbildenden Studiengang wie Germanistik seit Jahren stark zurück geht[10], sind eher ‚praxisnahe‘ Fächer wie BWL seit 2007 um etwa zwei Drittel (!) gewachsen[11]. Diese Tendenz lässt sich auch beim Vergleich der verschiedenen Hochschularten beobachten: zwar wuchs die Studierendenzahl an den Universitäten in den vergangenen drei Jahren leicht, die Fachhochschulen übertrafen diese Steigerung im selben Zeitraum jedoch um ein Vielfaches. Seit 2014 ist die Zahl der an Fachhochschulen immatrikulierten Studierenden etwa dreimal so schnell gestiegen wie an den Universitäten; dieses Wachstum übertrifft das der Universitäten auch in absoluten Zahlen[12].

Quellennachweis:

  1. [1]Stat. Bundesamt: Anzahl der Studierenden an Hochschulen in Deutschland
  2. [2]Vgl. www.uniturm.de
  3. [3]Stat. Bundesamt: Bestandene Prüfungen nach Studiendauer
  4. [4]Statistisches Bundesamt: Anzahl der Studienanfänger/-innen im ersten Hochschulsemester in Deutschland in den Studienjahren von 1995/1996 bis 2016/2017
  5. [5]Statistisches Bundesamt: Studienanfänger/-innen: Erstes Hochschulsemester nach Hochschularten
  6. [6]faz.net: Viele Abiturienten, weniger Bildung, 02.12.2014
  7. [7]Statistisches Bundesamt: Entwicklung der Studienanfängerquote in Deutschland von 2000 bis 2016
  8. [8]Statistisches Bundesamt: Anteil ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen vom Wintersemester 1998/1999 bis 2015/2016
  9. [9]Statistisches Bundesamt: Studierende: insgesamt
  10. [10]Statistisches Bundesamt: Studierende: Studienfach Germanistik/Deutsch
  11. [11]Statistisches Bundesamt: Studierende: Studienfach Betriebslehre
  12. [12]Statistisches Bundesamt: Studierende: Insgesamt nach Hochschularten

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